Bestwig. Dass Thorsten Ziolek keine Höhenangst hat, liegt auf der Hand. Deshalb steigt der Brückenbauingenieur der Autobahn Westfalen auch in 115 Metern Höhe in einen kleinen Metallkorb und fährt an vier Seilen aufgehängt die Brückenpfeiler rauf und runter. Dennoch ist die Prüfung der A46-Talbrücke Nuttlar im Sauerland auch für ihn eine Besonderheit: „Natürlich sind 115 Meter etwas anderes als 30 Meter. Bei den meisten Menschen liegt die Schwelle fürs Wohlbefinden bei etwa 40 bis 50 Metern – und da sind wir hier weit darüber.“

Doch es ist nicht nur die Höhe, die Ziolek und seinem Team auf Nordrhein-Westfalens höchster Brücke vor Herausforderungen stellt. Das Tal des Schlehdornbachs ist sehr eng, „da pfeift häufig der Wind durch“, weshalb die Brückenprüfer der Autobahn Westfalen genau den Wetterbericht checken müssen, bevor sie nach Bestwig-Nuttlar fahren. Bei starken Böen könnte die Arbeit unter der Brücke zu gefährlich werden.

Mit Hammerschlägen den Beton untersuchen

Neun Kolleginnen und Kollegen aus dem Bauwerksmanagement sind in diesen beiden Juli-Wochen auf der Talbrücke Nuttlar für die Hauptprüfung im Einsatz, dazu kommen noch Helfer einer externen Arbeitsbühnen-Firma. Zehn Tage lang prüfen sie die bis 2016 erbaute und 2019 für den Verkehr freigegebene Brücke auf Herz und Nieren, dazu kommt eine weitere Woche mit Vor- und Nachbereitungen. Die Ingenieure begehen die Fahrbahn und den engen Brückenhohlkasten, fahren die Pfeiler ab, checken die Schutzeinrichtungen und klopfen von ihrer Arbeitsbühne – dem sogenannten Brückenuntersichtgerät – von unten mit einem Hammer gegen den Beton.

Aber was hat ein Hammerschlag mit einer Brückenprüfung zu tun? „Kleine Schäden im Beton können wir häufig nicht sehen, aber schon früh hören. Und dieses Ankündigungsverhalten klopfen wir mit dem Hammer ab“, erklärt Ziolek. In Nuttlar treten keine Probleme auf, aber die Brücke ist im Vergleich zu vielen Bauwerken aus den 1960er und 1970er Jahren auch noch sehr jung. „Jede Brücke hat eine Patientenakte, aber diese hier ist noch dünn“, verrät Ziolek. „Selbst von den jungen Brücken ist Nuttlar ein Paradebeispiel. Die Brücke wurde sauber verarbeitet, wir waren damals sehr zufrieden mit der Baufirma, und das sieht man auch jetzt noch am Produkt.“

Alle sechs Jahre eine Hauptprüfung

Brückenprüfungen werden in Deutschland in vier verschiedene Kategorien eingeteilt. Alle sechs Jahre gibt es eine ausführliche Hauptprüfung, wie hier in Nuttlar. Drei Jahre nach der Hauptprüfung erfolgt die sogenannte einfache Prüfung, bei der Ingenieure das Bauwerk begehen und besichtigen. In den Jahren ohne Prüfung führt die zuständige Autobahnmeisterei eine ausführliche Besichtigung durch. Und zusätzlich erfolgt zweimal jährlich eine systematische Beobachtung durch sachkundige Straßenwärter der zuständigen Meisterei. Bei unvorhergesehenen Ereignissen wie Unfällen oder zuletzt dem Hochwasser führt die Autobahn Westfalen zudem Sonderprüfungen durch.

All das sorgt dafür, dass Schäden am Bauwerk durch das Alter oder die starke Belastung frühzeitig erkannt werden. Bei 2330 Brücken im Niederlassungsgebiet Westfalen haben Ziolek und sein Team viel zu tun. Deshalb sucht die Autobahn Westfalen noch Ingenieure für die Bauwerksprüfung. Mit 2,9 Millionen Quadratmetern hat Westfalen zudem die größte Brückenfläche aller Autobahn-Niederlassungen in Deutschland. Daher geht’s für Ziolek und Co. auch direkt weiter – nach Nuttlar wartet wieder eine ältere Patientin.

Lust auf einen spannenden Job als Brückenprüfer? Die Autobahn Westfalen sucht noch Ingenieure (w/m/d) für die Bauwerksprüfung. Bewerbungen sind auch für Stahlexperten oder ähnliche Berufsgruppen möglich. Mehr Infos unter autobahn.de/westfalen

Fotonachweis: Autobahn Westfalen